Nicht wegwerfen können

„Brauchst du das wirklich?“, hat mich meine Oma dann und wann gefragt, wenn ich über eine neue Anschaffung nachgedacht habe. Meistens musste ich die Frage mit „nein“ beantworten. Das war als Jugendliche so, das ist noch heute so. Als Umkehrschluss kaufe ich mir nur selten etwas. In meinem Küchenschrank versammelt sich das Geschirr meiner Großtante und meiner Nachbarin. Das meiste davon wird benutzt. In meinem Kleiderschrank hängt viel Altes neben wenig Neuem, Gekauftes neben Geschenktem. Manch heiß geliebter Pulli (soweit man Kleidungsstücke heiß lieben kann), ist über zehn Jahre alt. Hier wird ebenfalls das meiste benutzt, auch wenn man im Sinne des guten Geschmacks einiges davon nicht mehr benutzen sollte. „Brauchst du das wirklich?“ Des Öfteren wäre wohl ein „ja“ angebracht und ich wünschte mir manchmal die Implantierung eines kleinen „Shopping-Gens“, das mich hin und wieder in ein Bekleidungsgeschäft treibt oder mir gleich eine frische Auswahl an Outfits nach Hause liefert. Dann könnten, ja dann müssten löchrige Jeans, ausgeleierte Socken und ausgeblichene T-Shirts dem Neuen weichen.

Wieso werfe ich so wenig weg? Als Kriegsenkelgeneration habe ich offensichtlich, ohne das aktiv anzustreben, sehr viel gehortet. „Wir hatten ja nichts“, kenn ich nur aus Erzählungen. Theoretisch „hatte ich immer alles“ oder „hätte haben können“. In meinem Elternhaus ist Platz kein Thema. Wahrscheinlich könnte ich auch jetzt noch meinen gesamten Hausstand dort zwischenlagern, obwohl sich bei den beiden auch schon einiges angesammelt hat. Als Lehrerin neige ich dazu, sowieso alles nochmal irgendwann gebrauchen zu können. Dieses Wörtchen irgendwann ist sehr gefährlich, denn in der Regel erinnere ich mich ja doch nicht mehr an mein hervorragend abgeheftetes und eingelagertes Material. Hinzu kommt, dass ich ein Kind der 80er bin. In meiner Schulzeit hatten alle lange Haare, haben auf dunkelgrauem Umweltpapier geschrieben (, was in der Regel kaum lesbar war), für die Füller Converter statt Patronen benutzt und die alten Wildlederjacken der Eltern aufgetragen. Ich werfe nicht gerne weg, denn das produziert Müll. Mein ökologisches Credo lautet bis heute: Blätter werden von beiden Seiten beschrieben und leuchtend weiß gebleichtes Papier gibt es nur zu ganz besonderen Anlässen. Erst langsam dämmert mir, dass der Müll allein dadurch, dass er zu Hause bei mir rumsteht, nicht zu weniger Müll wird. So viel ständig nachwachsendes Schmier- oder „Konzept“papier (will man dem Ganzen einen positiven Namen geben) wie es bei mir lagert, werde ich niemals abarbeiten können.

Ich würde gerne die Frage „Brauchst du das wirklich?“ statt auf Neuanschaffungen auf meinen derzeitigen Hausstand anwenden: Wann kommt der passende Augenblick, endlich mal die fünf Jahre alte Duftkerze anzuzünden? Der elegante persische Füllfederhalterständer staubt zu, da ich keinen entsprechenden Füllfederhalter besitze. Wie oft werde ich Oliven aus einem Olivenschiffchen essen? Bleibt die Spülung solange auf der Badewanne stehen, bis meine Haare wieder lang werden? Wann werde ich mal eins dieser wahnsinnig leckeren Rezepte aus den zehn Kochbüchern zubereiten?

Im Netz merke ich schnell, dass ich mit meinem Wohlstandsproblem nicht alleine bin. Es gibt ein ganzes Blogger-Universum, das sich mit dem Thema Minimalismus beschäftigt. Meike Winnemuth hat ein ganzes Jahr lang mit demselben blauen Kleid gelebt. Andere reisen als digitale Nomaden mit einem Koffer um die Welt. Der Stern entschied letzten Monat, dass das Thema immer noch aktuell ist. So ließen sie eine vierköpfige Familie für zwei Wochen mit 100 Gegenständen pro Kopf auskommen.

Immerhin weiß ich, dass ich es könnte. Schließlich war ich schon einen ganzen Monat lang mit einem 11-Kilo-Rucksack auf dem Jakobsweg unterwegs. Mein Fazit: (1) Es ist toll, sich nicht über die Tagesgarderobe Gedanken machen zu müssen. (2) Die Waschmaschine ist eine ganz wunderbare Erfindung und ich möchte mein gutes Stück nur ungern wieder hergeben. (3) Es fühlt sich frei an, das Wesentliche dabeizuhaben. (4) Von den 11 Kilo habe ich nicht alles benutzt. Beim nächsten Mal bleibt einiges zu Hause.

Ich versuche mir eine Wohnung vorzustellen, in der nur noch Dinge sind, die ich benutze. Alles ist luftig. Es gibt keine Gegenstände, die zustauben können – nur noch schnell abwischbare Flächen und viel Platz für Langweile und Kreativität. Und es gibt kein Schmierpapier.

Nun habe ich gleich drei Begründungen für das „Nicht-wegwerfen-können“ gefunden und trotzdem bleibt ein großer Haken: Mein Bruder gehört auch zur Kriegsenkelgeneration, ist der Sohn derselben Eltern, Kind der 80er und trotzdem ein Aufräumer, Digitalisierer und Wegwerfer. Wie macht er das bloß?

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Ein Gedanke zu “Nicht wegwerfen können

  1. Du schreibst das, was ich oftmals und immer mal wieder denke.
    Anlass für mich, spontan die Schublade mit dem Konzeptpapier zu räumen und einen ‚kleinen‘ Beutel Kleidung zu entsorgen.
    Allerdings immer noch nicht DIE grüne Jacke 😉

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